
Ein Auszug...
Das Mädchen folgte dem Diener gehorsam und blieb auf sein Geheiß hin in der Mitte eines großen Saales stehen. Es war düster, die bereits schwache Abendsonne verbarg sich hinter den schweren roten Vorhängen des Raumes, und erleuchtete ihn nur schwach.
Hätte der Diener sich nicht am Tisch kurz verneigt und mit einer Gestalt gesprochen, das Mädchen hätte sie gar nicht erst bemerkt. Nach einigen schier endlos scheinenden Momenten winkte der Diener sie energisch herbei.
Das Mädchen ging langsam zu dem Tisch, an dem im schwachen Kerzenschein ein junger Mann saß, der in seiner Rüstung bedrohlich aussah und sie mit seinen hellblauen Augen wachsam beobachtete.
Der Diener deutete dem Mädchen stehenzubleiben. „Mein Herr, dies ist das Mädchen aus dem Dorf, welches zu Euch geschickt wurde, um Euch zu Diensten zu sein.“ Sagte er, verneigte sich und verließ eilends den Raum.
Gerne hätte das Mädchen ihm nachgesehen, ihn hilfesuchend angestarrt. Doch sie wagte es nicht, den Blick von jenem Mann abzuwenden, dessen Augen immer noch durchdringend auf ihr ruhten.
„Wie heißt du?“ fragte er schließlich und nahm einen Apfel in seine Hand. Seine Stimme klang weich und doch herrisch, und sie löste eine gewisse Furcht in dem Mädchen aus.
„Mirana… Mirana von Hall, Herr.“ Entgegnete das Mädchen mit leiser aber sicherer Stimme und hielt seinem Blick stand.
„So, Mirana von Hall.“ Wiederholte er und lehnte sich in seinem Sessel zurück, ohne sie aus den Augen zu lassen. „Bist du freiwillig zu mir gekommen, oder wurdest du von deinem Dorf geschickt?“
Mirana dachte nach. Sie wollte ihn durch ihre Worte nicht aufbringen, und genauso wenig wollte sie sich und ihren Auftrag verraten. Ihre Worte mussten mit Bedacht gewählt werden.
„Ich bin die Tochter eines der Ratsherren von Hall. Meine beiden älteren Schwestern sind bereits verheiratet, und da Ihr ein Mädchen aus gutem Hause gefordert habt…“
„Für ein Mädchen aus gutem Hause bist du aber erstaunlich schmutzig.“
Mirana sah an sich herab. Ihr Kleid war schlammig und der Saum zerrissen. Wie ihr Gesicht und ihre Haare aussahen, konnte sie sich nur ausmalen. „Vergebt mir, Herr, aber der Weg zu Euch war beschwerlich, und Ihr habt verboten, dass mich jemand begleitet oder ich zu Pferd zu Euch komme.“
Der Ritter schmunzelte und warf den Apfel von einer Hand in die andere. „Mein Diener wird dir ein Bad bereiten und dir Kleider zurechtlegen. Du wirst in diesem Haushalt tun was ich dir sage und anziehen, was ich wünsche. Verstehst du das?“
Mirana spürte, wie Zorn in ihr aufstieg, und sie wagte nicht, etwas zu entgegnen, also nickte sie nur.
„Gut. Und jetzt geh dich waschen. Danach wirst du wieder hier her kommen, und mit mir zu Abend essen. Mirana von Hall.“
Mirana verneigte sich und verließ das Zimmer. Der Ritter lächelte und legte den Apfel wieder in die Obstschale, welcher er ihn entnommen hatte. Dieses Mädchen war nicht so wie jene, die zuvor zu ihm geschickt worden waren. In ihren Augen war etwas rebellisches, ein Feuer, dass er nicht zu deuten vermochte. Es würde gewiss interessant werden, sich mit ihr zu beschäftigen.
Mirana war vor dem Saal vom selben Diener, der sie zu dem Ritter geführt hatte, erwartet worden. Ohne zu reden führte er sie in einen geheizten Raum, dessen Luft vom Dampf des heißen Wassers und den Gerüchen der kostbaren Öle schwer auf ihrer Haut lag. Dort ließ er sie alleine, nicht ohne noch einmal zu erwähnen, dass er sie in einiger Zeit wieder abholen würde, und sie fertig zu sein habe.
Sie hatte nur genickt und sich sogleich ihrer schweren, schmutzigen Kleidung entledigt und war in das warme, wohlriechende Wasser gestiegen. Sie fühlte, wie der Schmutz von ihr abfiel, und sie sich wieder an zu Hause erinnerte, das sie erst vor so kurzer Zeit verlassen hatte, doch das nun so fern schien.
Das Kleid, welches der Diener für sie bereitgelegt hatte, schien auf den ersten Blick sehr schlicht, in einem zarten Blau, aus einfachem Stoff. Als sie es jedoch anlegte, schmiegte es sich weich an ihren Körper, und betonte ihr üppiges Dekoltée und wurde eng um ihre schmale Taille.
So saß sie nun vor Sir Thomas, dem schwarzen Ritter, der ihr Dorf zerstört hatte, und sie hier her hatte kommen lassen, nur um sie nun keines Blickes zu würdigen, während er aß.
Die ganze Zeit, als sie in schmutzigen Kleidern vor ihm gestanden hatte, hatte er seinen Blick nicht von ihr abgewandt. Und nun, da sie gewaschen und in diesem edlen Kleid vor ihm saß, ignorierte er sie.
Mirana wusste nicht, warum sie seine Gleichgültigkeit so erzürnte. Je weniger er sie beachtete, umso lieber war es ihr. Sie hatte viele Geschichten von ihm gehört, und hatte sich bereits vor ihrem Zusammentreffen gefürchtet.
Sie war immer auf ihre üppigen Brüste stolz gewesen, die sich trotz des engen Mieders noch deutlich unter dem viel zu weiten Kleid abgezeichnet hatten, und auf die Blicke, die Männer ihr beim Vorbeigehen zuwarfen. Doch nun schämte sie sich fast, denn das Kleid zeigte mehr von ihrer Haut, als ihr lieb war.
Plötzlich stand er neben ihr und sah sie mit seinen blauen Augen eindringlich an. Mirana wollte auf ihrem Stuhl zurückweichen, doch Sir Thomas hielt die Lehne mit der einen Hand fest und versperrte ihr mit der anderen am Tisch den Weg. Mirana konnte sich kaum rühren geschweige sich von seinem Blick befreien, doch sie erwiderte ihn so gut sie nur konnte.
Quelle Bild:
http://www.ritterturnier.de/fileadmin/user_files/image/turnier/view_Roch_Schwarzer_Ritter_Angriff.jpg